Nah am Geschehen: Katja Wildermuth, LMU-Alumna und erste Frau an der BR-Spitze
16.02.2026
BR-Intendantin Katja Wildermuth hat an der LMU studiert und plädiert dafür, ein Studium als Chance zu begreifen: „Es geht darum, sich eine eigene Haltung zu erarbeiten.“
„Bei Meetings in der Geschäftsleitung des BR quäle ich niemanden mit lateinischen oder griechischen Zitaten“, beteuert Dr. Katja Wildermuth. Wenn das Unwahrscheinliche doch einmal Wirklichkeit werden sollte, könnte das Zitat vielleicht „In rebus ipsis versari“ sein, das Cicero zugeschrieben wird und so viel bedeutet wie „Mitten in den Dingen stehen“ oder „sich im Geschehen bewegen“.
Sich damit zu beschäftigen, was gerade in der Gesellschaft passiert, hat Wildermuth vom Fach der Alten Geschichte, das sie an der LMU studiert hatte, zum Journalismus gebracht. „Ich hatte mich im Oktober 1989 mit einer Althistorikerin in Ostberlin verabredet und bin mit einem alten R4 dorthin gefahren, Panne und Ersatzteilsuche inklusive. Am 4. November bin ich zurückgefahren – an dem Tag der großen Alexanderplatz-Demonstration in Berlin.“ Ein prägendes Ereignis, betont sie, das zur Folge gehabt habe, dass sie die Römische Republik und die frühe Kaiserzeit in Richtung Gegenwart verlassen hat, die ja viel spannender und direkter zu erleben sei.
Dr. Katja Wildermuth, seit 2021 Intendantin des Bayerischen Rundfunks.
Folgerichtig ließ sie nach Promotion und Forschung, vier Jahren als Dozentin für Alte Geschichte sowie einer kurzen Episode in einem Schulbuchverlag auch München vorläufig hinter sich. Es konnte ihr nicht länger das bieten, was die neuen Bundesländer bereithielten: eine enorme Dynamik in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, bei denen „kein Tag wie der andere war und es immer etwas Neues gab“.
Wildermuth wechselte also zum Mitteldeutschen Rundfunk nach Dresden, wo sie beim Fernsehen als Autorin für politische Themen tätig wurde, auch historische Dokumentationen betreute und damit eine Rückbindung an ihre Ausbildung hatte.
Unter dem Dach der ARD blieb sie auch auf ihren weiteren beruflichen Stationen: Beim NDR arbeitete sie im Bereich Kultur und Dokumentation. Als dann kehrte Wildermuth zum MDR als Programmdirektorin zurück, um schließlich zum BR zu wechseln und 2021 die erste Frau an seiner Spitze zu werden.
Mir ging es nicht darum, Tutti Frutti zu betreuen, sondern ich war immer schon von der Bedeutung eines Qualitätsjournalismus überzeugt, wie ihn die öffentlich-rechtlichen Sender bieten.
Dr. Katja Wildermuth
Teamplayerin im Qualitätsjournalismus
Dass sie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig werden wollte, war „für mich schon sehr früh klar. Mir ging es nicht darum, Tutti Frutti (eine Erotik-Spielshow bei RTL Anfang der 90er-Jahre. Red.) zu betreuen, sondern ich war immer schon von der Bedeutung eines Qualitätsjournalismus überzeugt, wie ihn die öffentlich-rechtlichen Sender bieten“.
Und auch, dass sie beim Fernsehen arbeiten wollte, stand früh fest. „Fernsehen kann man nur im Team machen und nicht alleine. Und ich bin absolute Teamplayerin. Deswegen habe ich ja auch in meiner Freizeit immer lieber Handball als Tennis gespielt.“
„Die LMU war für mich ein großes Geschenk“
Die Beziehung zum Wissenschaftsbetrieb und zu ihrer Alma Mater ist ihr immer geblieben. „Bis auf einige Neuerungen und Modernisierungen ist das Hauptgebäude der LMU noch wie früher – inklusive Gerüche und Geräusche.“ Für die BR-Chefin ist es jedes Mal ein emotionaler Moment, das Gebäude zu betreten. Dabei verweist sie auch auf die historische Bedeutung des Gebäudes, in dem die Geschwister Scholl verhaftet wurden.
Als Studentin der Alten Geschichte war die „LMU für mich ein großes Geschenk“. Zugleich habe das Studium dort ein hohes Maß an Eigeninitiative und Selbstorganisation verlangt.
Gerade diese Freiheit hat ihr eine große inhaltliche Bandbreite eröffnet: von mittelalterlicher Lyrik über Cicero bis hin zu politikwissenschaftlichen Seminaren. Vertieft wurde diese Erfahrung durch ihre Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an historischen wie literaturwissenschaftlichen Instituten.
Selbstwirksamkeit durch Eigenverantwortung
Rückblickend habe sie besonders von der im Studium geforderten Eigenverantwortung profitiert. „Wer lernt, sich in diesem System zurechtzufinden, entwickelt Selbstwirksamkeit – und die ist heute wichtiger denn je.“
Eine entscheidende Prägung für ihre Promotion und die spätere Lehrtätigkeit hat sie ihrem Doktorvater Professor Christian Meier zu verdanken, „ein politisch wacher Althistoriker, der historische Präzision stets mit Verantwortung für die Gegenwart verbunden hat“, erinnert sich Wildermuth. Diese Haltung habe sie nachhaltig geprägt und gebe ihr noch heute wichtige Impulse.
Studium als Chance
Katja Wildermuth plädiert leidenschaftlich für ein Studium – allerdings nicht im Sinne einer klaren Berufsvorbereitung. „Die Vorstellung, sich einmal auszubilden und dann 40 oder 50 Jahre im selben Beruf zu arbeiten, trägt heute nicht mehr“, gibt sie zu bedenken. Auch in traditionellen Institutionen wie dem BR verändern sich Berufsbilder dynamisch.
Entscheidend sei vielmehr, das Studium als Chance zu begreifen: zum Ausprobieren, zum Perspektivwechsel und auch dazu, Irrtümer zuzulassen. „Es geht darum, sich eine eigene Haltung zu erarbeiten – nicht anderen hinterherzulaufen.“ Diese Haltung müsse auf Wissen gründen und die Bereitschaft einschließen, sich mit Komplexität auseinanderzusetzen und Wege zu finden, mit ihr umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und auch Fehler auszuhalten. Studium sei deshalb mehr als Berufsvorbereitung: „Es ist vor allem Persönlichkeitsbildung.“
Ihre Bindung an die Universität bleibt eine enge: Inzwischen ist Wildermuth externes Mitglied des LMU-Hochschulrats, der jüngst das neue Präsidium der Universität gewählt hat. Ihre Tätigkeit sei dabei, räumt sie ein, weniger wissenschaftlicher Natur. „Aber es geht um Herausforderungen im Management sowie gesellschaftliche und politische Fragen. Ich finde schon, dass es viele gemeinsame Themen gibt.
Herausforderungen für Wissenschaft und Medien
Eine Entwicklung, der sich sowohl Universität als auch öffentlich-rechtlicher Rundfunk zunehmend gegenübersehen, ist der wachsende Druck durch populistische und antidemokratische Akteure. „Die Zahl der Menschen, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung angreifen, nimmt deutlich zu“, sagt Wildermuth – und betont, dass es sich dabei keineswegs um ein rein deutsches Phänomen handelt.
Als deutsche Vertreterin in der European Broadcasting Union (EBU) erlebt sie, wie der Druck auf öffentlich-rechtliche Medien in ganz Europa steigt. Entsprechend werde die Digitalpolitik zu einem der zentralen politischen Handlungsfelder, denn: „Wenn es so etwas wie ein Handbuch des Populismus gibt, dann ist dessen oberste Maxime, das Vertrauen in die Qualitätsmedien zu untergraben.“
Der Siegeszug vermeintlich einfacher Wahrheiten sei dort besonders stark, wo es kein Korrektiv durch Wissenschaft und Qualitätsjournalismus gebe. Deshalb setze der BR gezielt auf digitale Medienaufklärung und Medienkompetenzprojekte – etwa um zu erklären, wie Newsfeeds funktionieren oder warum Nutzerinnen und Nutzer online bestimmte Inhalte sehen – und andere nicht.
Einmal im Monat werden im Newsroom bekannte und renommierte Alumni der LMU vorgestellt. Wenn Sie selbst eine bekannte Alumna oder einen bekannten Alumnus kennen, melden Sie sich gerne bei uns.
„Wenn es so etwas wie ein Handbuch des Populismus gibt, dann ist dessen oberste Maxime, das Vertrauen in die Qualitätsmedien zu untergraben.“
Dr. Katja Wildermuth
Junge Menschen setzen auf Qualitätsjournalismus
Dass diese Arbeit Wirkung zeigt, lasse sich an einer erfreulichen Entwicklung ablesen: „Interessanterweise sind es häufig Mensch unter 30, die unsere Medien nutzen mit der Begründung: ‚Weil wir uns auf euch verlassen können.‘“ Junge Menschen, sagt sie, seien sehr digitalkritisch und legten Wert auf sorgfältig produzierte Inhalte. „Das ist eine große Chance für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Sie wollen verlässliche Quellen!“
Dies zeige sich auch beim Nachwuchs. „Wir haben dieses Jahr so viele Volontariatsbewerbungen erhalten wie schon seit vielen Jahren nicht mehr“, freut sich die Intendantin und sieht das als ein wichtiges und gutes Signal für ein kritisches gesellschaftliches Bewusstsein.
In diesem Februar tritt Katja Wildermuth ihre zweite Amtszeit an der Spitze des BR an, als erste weibliche Senderchefin. „Ich habe die Frage nach Geschlechterunterschieden in meiner Laufbahn nie als zentrales Thema wahrgenommen, und ich bin ja – wenn auch mit anderer Vorgeschichte – eine ARD-Person, die in verschiedenen Anstalten gearbeitet hat. Die Regionen haben unterschiedlich ‚getickt‘, aber die Geschlechterfrage war da nie ein großes Thema.“
Das 21. Jahrhundert, sagt sie, sei vielmehr eines der Kooperationen – und damit auch eines veränderten Führungsverständnisses. Management funktioniere heute anders als noch vor 40 Jahren. Der Intendantenposten sei dabei beides zugleich: Repräsentations- und Managementjob. „Repräsentanz ist wichtig – gerade in politisch herausfordernden Zeiten wie diesen.“ Zugleich beschäftige sie sich aber mit derselben Leidenschaft mit Finanz- und Stellenplänen sowie mit der Entwicklung einer neuen KI-Strategie.
Wie auch als Journalistin kann sie so weiterhin ideengeleitet arbeiten. „Die Kreativität beschränkt sich ja nicht auf redaktionelle Arbeit: Auch finanzpolitische Strategien oder eine KI-Strategie zu entwickeln, ist etwas Kreatives.“
Haltung statt Patentrezept
In die Rolle der Intendantin ist Wildermuth schrittweise hineingewachsen. Besonders erfüllend sei es für sie, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in vielfältigen Transformationsprozessen zu begleiten und zu stärken. „Das macht mir sehr viel Spaß.“ Ein Patentrezept für ihre Tätigkeit gebe es nicht – wohl aber eine Haltung: „Neugier und Freude.“
Geprägt werde ihre Arbeit bis heute von der Fähigkeit, Dinge kritisch zu hinterfragen, Zusammenhänge zu prüfen und Menschen ins Gespräch zu bringen. Entscheidend sei der Blick für das Ganze ebenso wie die Präzision im Detail. „Intendantin zu sein heißt nicht, Sonntagsreden zu halten, sondern täglich Verantwortung zu tragen – für einen großen Betrieb von rund 5.000 Mitarbeitenden.“
Mit dem Smartphone ist man noch kein Fernsehen
Was gibt Katja Wildermuth dem künftigen journalistischen Nachwuchs mit auf den Weg? „Qualitätsjournalismus ist nicht nur, etwas zu posten!“ Die technischen Möglichkeiten machten es heute zwar leicht, selbst Inhalte zu produzieren. „Aber Journalismus ist ein Handwerk“, betont sie.
Dieses Handwerk müsse man lernen – ebenso wie eine seiner zentralen Tugenden: Unvoreingenommenheit. Journalistische Sorgfalt bedeute, auszuhalten, dass es oft keine schnellen Antworten gebe. „Selbst wenn man glaubt, etwas verstanden zu haben, muss man noch einmal nachfragen, gegenchecken – und sich selbst immer wieder überprüfen.“
Journalismus, so beschreibt es die BR-Chefin, sei ein Weg aus jugendlicher Selbstgewissheit hin zu Selbstkritik. Während früher allein die professionelle Technik Distanz und Autorität geschaffen habe, suggerierten Smartphones heute eine trügerische Nähe zum Beruf. „Mit dem Handy ist man noch kein Fernsehsender“, sagt sie – und fügt hinzu: „Der Journalismus ist deshalb ein sehr anspruchsvoller, aber auch ein großartiger Beruf.“